Aygül Özkan

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„Schön, dass Sie heute gekommen sind“, sagt sie, „wenn Sie morgen gekommen wären, könnten wir uns nicht in Ruhe unterhalten, da es zu turbulent wäre. Morgen wird der Bundespräsident Christian Wulff empfangen.“

Aus dem schlicht eingerichteten Zimmer von Aygül Özkan blickt man direkt auf den Landtag von Niedersachsen. Obwohl es Sommer ist, ist das Wetter bewölkt und windig. Wir unterhalten uns mit Aygül Özkan zuerst kurz über die türkische Kulturwelt und Istanbul. Nebenbei ist sie neugierig, über wen ich noch meine Reportagen schreibe.

Ich frage Aygül Özkan, was sie bei dem Gedanken an das Thema Migration am meisten erfreut: „Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt: Die Integration schreitet voran, deutsche Sprachkenntnisse bessern sich, immer mehr Migranten übernehmen Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft. Deutschland steht übrigens im internationalen Vergleich in Bezug auf Integration nicht schlecht da. Das hat uns vor einiger Zeit auch der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration bescheinigt. Die Integration ist in vielen empirisch fassbaren Bereichen durchaus zufriedenstellend oder sogar gut gelungen. Zudem stehen beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft den Anforderungen von Zuwanderung und Integration pragmatisch und zuversichtlich gegenüber. Das ist ein solides Fundament, auf das wir aufbauen können.“

Und was erzürnt die Ministerin Özkan am meisten?

„Es sind in den letzten Jahrzehnten auch Fehler gemacht worden. Wir haben einfach Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in unser Land hinein geholt und gedacht, mit dem fleißigen Arbeiten an der Werkbank hat sich die Integration von selbst erledigt. Aber mich ärgert besonders, wenn in der Diskussion die Lebensleistung dieser Menschen völlig ignoriert wird. Das ist diskreditierend, denn sie haben auch viel für unsere Gesellschaft geleistet, unser Land mit aufgebaut.“

‚Integration’ ist seit einigen Jahren ein wichtiges Thema in Deutschland. Sie gehört auch zu den Aufgabenbereichen der Ministerin. Woran liegt es ihrer Meinung nach, dass die angestrebte Ebene immer noch nicht erreicht werden konnte?: „Noch bis in die 70er-Jahre haben wir in Deutschland ausländische Arbeitnehmer ins Land geholt, die einen großen Anteil daran haben, dass wir wirtschaftlich jetzt so gut dastehen. Darauf können wir alle gemeinsam stolz sein. Leider ist es uns nicht gelungen, die Kinder und Enkelkinder der damaligen ‚Gastarbeiter’ so in die Gesellschaft zu integrieren, dass sie die gleichen Chancen auf die Entwicklung ihrer Fähigkeiten nutzen konnten. Dass diese Menschen weniger begabt seien als andere, ist unwahr. Dass sie zu wenig gefördert und gefordert worden sind, ist sicherlich richtig. Unsere Botschaft an alle Menschen, die in Deutschland leben, lautet: Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Es ist eine Bringschuld für Zuwanderer Deutsch zu lernen. Wer die deutsche Sprache lernt, hat eine Chance, wer sie nicht lernt, hat keine Chance.“

Welches sind die Dinge, die Aygül Özkan in ihrem politischen Leben und in ihrem persönlichen Leben in naher Zukunft machen möchte?: „In meinem ersten Jahr im Amt habe ich sehr viel Gemeinsinn der Menschen in Niedersachsen erfahren dürfen. Ich möchte, dass die Niedersachsen gemeinsam die Zukunft gestalten, als Partner, nicht als Konkurrenten, egal ob nun hier geboren oder zugewandert. Menschen müssen unbürokratisch Hilfe bekommen, wenn sie in Not sind; Menschen sollen möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung wohnen können; Menschen sollen im Pflegefall gut versorgt werden, Menschen sollen sich für ihre Mitmenschen einsetzen, auch ehrenamtlich Zeit aufbringen, Menschen sollen nicht außen vor bleiben, egal ob mit oder ohne Behinderung, egal ob mit größerem oder kleinerem Geldbeutel; jeder soll seine Stärken erkennen und entwickeln können.“

Welche Seite der deutschen Kultur hat Aygül Özkan in ihrer sozialen Entwicklung in Deutschland am stärksten beeinflusst? „Die größte Rolle im Hinblick auf die soziale Entwicklung haben sicher Bildungsangebote gespielt. Wir haben ein tolles, kostenloses Bildungssystem, das jungen Menschen viele Chancen eröffnet. Wenn Väter und Mütter den Erfolg ihrer Kinder wollen, müssen sie ihre Kinder so früh wie möglich an die deutsche Sprache heranführen und sich über das Bildungssystem informieren. Mein Beispiel zeigt: Man kann in diesem Land viel erreichen, in der Wirtschaft und in der Politik. Und zwar als Frau und als Frau mit Migrationshintergrund.“

Gibt es Politikerinnen/ Politiker im Nachkriegsdeutschland, die die Ministerin Özkan geprägt haben? „Es gibt nicht den Politiker oder die Politikerin, aber es gibt schon engagierte Männer und Frauen, deren Kompetenz auf bestimmten Politikfeldern mich beeindruckt. So bewundere ich zum Beispiel unseren Bundespräsidenten Christian Wulff für seinen Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Christian Wulff hat früher als viele andere auch Maßstäbe bei der Integration von Zuwanderern gesetzt. Uns eint das Herzensanliegen, dass alle in unserem Land lebenden Menschen ihre Erfahrungen und Potenziale zum Wohle Deutschlands einbringen können.“

Wenn von der deutschen Hochkultur gesprochen wird, welches sind dann für Özkan die drei bedeutendsten drei Namen? „Hier möchte ich eher drei Gruppen als drei einzelne Persönlichkeiten nennen. Da ich selbst als Juristin ein eher rationales Naturell habe, bewundere ich besonders die Denker der Aufklärung und ihren ‚Einsatz’ für Vernunft, Toleranz und Freiheit und dies in einer Zeit, als solche Gedanken keineswegs selbstverständlich waren. Als Sozialpolitikerin beeindrucken mich zudem Reformerinnen und Reformer, die sich für soziale Fortschritte ‚starkgemacht haben’. Und auch, wenn ich keine große Kennerin von Kunst bin, gefallen mir besonders die Künstlerinnen und Künstler der Bauhaus-Ära, denen es gelungen ist, Ästhetik und Funktionalität harmonisch zu vereinbaren.“

Aygül Özkan, Ministerin, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, Hannover