Betin Güneş

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Auch bei nur geringer Kenntnis klassischer Musik wird einem beim Hören der Unterschied zwischen Musik aus dem Barock und Schostakowitsch klar: Schostakowitsch hat es eilig. Der Komponist, Pianist und Dirigent Betin Güneş gehört zu der Familie der Komponisten, die es eilig haben. Seine Energie kann jeden in Erstaunen versetzen. Güneş hat es eilig. Er hat es eilig, weil er viel zu sagen, viel zu erzählen hat.

„Die Grundlagen der Musik habe ich mir in der Türkei angeeignet“, sagt Betin Güneş. Er wurde 1957 in Istanbul geboren, wo er auch seine breitgefächerte musikalische Ausbildung begann. Nach erfolgreichem Besuch des Konservatoriums von 1964 bis 1974 erhielt er 1979 sein Konzertdiplom mit Auszeichnung im Fach Klavier bei Prof. J. Uluğ an der Musikhochschule. Ein Jahr später bereits legte er sein Diplom in Komposition bei Prof. I. Usmanbaş ab.

Betin Güneş ist gleichzeitig auch Journalist: Er hat Journalismus an der Hochschule Istanbul studiert und abgeschlossen. Er wurde mit einem Stipendium an der Musikhochschule Köln aufgenommen, erhielt 1985 sein Diplom in Komposition von Prof. J. Blume, 1986 in Orchesterleitung von Prof. G. Fork und 1986 das Diplom für Posaune. Betin Güneş ist seit 1988 Dirigent des Kölner Symphonieorchesters und des Kammerorchesters Ensemble Mondial. Güneş leitete zwischen 1989-1995 das Bayer Blasorchester und ist gleichzeitig Dirigent des Mondial Philharmonieorchesters und des Turkish Chamber Orchestra. Er gab zahlreiche Alben heraus, darunter 13 Symphonien, elektronische Musik, Solostücke und Kammermusik. Viele seiner Kompositionen wurden ausgezeichnet, unter anderem eines seiner elektronischen Werke, das Orchesterstück 2,5 und Bıdık, eine Sinfonie für Streicher.

Er ist Gründer und Dirigent des Kölner Symphonieorchesters und ich frage ihn, wie es zu der Gründung kam: „Ich hatte es schon immer im Kopf, es musste nur noch umgesetzt werden“, sagt er. Das Symphonieorchester Köln setzt sich mehrheitlich aus Musikern und Musikerinnen zusammen, die sich als Solisten und Solistinnen einen Namen gemacht haben und die in Nordrhein-Westfalen Musikunterricht geben, aus Musikern, die aus den verschiedensten Ländern der Erde kommen. Die Besonderheit seines Orchesters erläutert uns Güneş so: „Der Unterschied liegt in unserem Repertoire. Wir spielen bekannte wie unbekannte Kompositionen. Den Schwerpunkt bilden türkische Komponisten. Ich möchte die Türkei in der Champions League bekannt machen.“

Und wie wurden die Werke türkischer Komponisten aufgenommen? „Zu Anfang war es fremd für die Zuhörer“, beginnt Güneş, „in der türkischen Musik gibt es ungleiche Achteltakte. Wenn sie das hören, fragen sie: ‚Ist das Jazz?’ Sie haben es aber inzwischen gelernt.“

„Die Musik ist die einzige gemeinsame Sprache aller Menschen. Wenn Sie etwas Gutes machen, wird man Sie überall verstehen“, fährt Güneş fort und gibt ein Beispiel: „Ich habe eine Komposition anlässlich des Erdbebens im Marmaragebiet geschrieben und habe in der Kirche ein Konzert gegeben um Spenden zu sammeln. Eine Nachbarin, die mich seit 30 Jahren kennt, kam zu mir und sagte ‚Herzlich willkommen in unserer Gemeinde’.“ Manchmal gibt es auch Situationen, in denen er nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll: „Ich habe meine 10. Symphonie in Köln gespielt und einer der Zuhörer kam zu mir und fragte ‚Haben wirklich Sie das komponiert?’. Gerade das ist mein Bemühen: Ich möchte gute Musik machen. Wenn Betin Güneş seinen Namen unter etwas setzt, dann ist es gut. Es mag sein, dass es Ihnen nicht gefällt, Sie können aber nicht sagen, dass es schlecht ist.“

„Solange es Goethe und Beethoven gibt, wird Deutschland nicht untergehen. In Deutschland wird Gutes gewürdigt“, sagt Güneş. „Aber in der Türkei ist die Sonne, es gibt viele Talente, aber sie wissen nicht wie sie Nutzen aus der Sonne ziehen sollen.“ Um trotzdem einen Beitrag zur Weiterentwicklung der klassischen Musik und junger Talente in der Türkei zu leisten, gibt Betin Güneş gemeinsame Konzerte mit ihnen und führt noch viele andere Veranstaltungen durch: „Mein Ziel ist es, sie zu unterstützen, bis sie auf der Autobahn sind.“

Güneş erzählt weiter: „Hätten meine Eltern mich nicht zu Konzerten mitgenommen, wäre ich nicht Musiker geworden. Ich sah die Musiker auf der Bühne und sagte, ‚ich werde wie sie’. Ich wurde wie sie. Aus diesem Grund müssen Kinder in jungen Jahren an Musik herangeführt werden. Menschen, die Musik lieben, werden sozialer.“

Der Komponist, Pianist und Dirigent Betin Güneş hat es immer eilig. Am Tag unseres Treffens wollte er fünf Stunden Unterricht geben. Er sagt, dass er gerne unterrichte, wenn er Zeit hat. „Aber ich bin vor allem Komponist. Ich werde immer komponieren…“

Wenn Sie ein Beispiel für die spannende Musik von Betin Güneş hören wollen, kann ich das mit dem Turkish Chamber Orchestra aufgenommene ‚Ich will etwas sagen’ nur empfehlen. Während ich unser Gespräch aufschrieb, habe ich immer wieder den 7. Teil gehört. Hier hat Betin Güneş die Musik Anatoliens mit der westlichen Musik zusammengebracht. Wenn ich hier etwas durcheinander geschrieben haben mag, so könnte es daran liegen, dass ich mich auf die schöne Musik von Güneş konzentriert habe.

Betin Güneş, Komponist, Pianist, Dirigent, Köln