Can Cedidi

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Kurz vor unserem Treffen ruft seine Sekretärin, Frau Grywatsch, an und sagt, er sei noch bei einer Operation und würde sich verspäten. Wir warten eine Stunde, aber auch dann ist der Arzt noch nicht aus dem Operationssaal gekommen. Kurze Zeit später empfängt er uns in seinem Zimmer. Der Arzt hatte mehrere Stunden im OP gearbeitet. Er begrüßt uns mit äußerst ruhigen Bewegungen. Wir fragen, was für eine Operation er durchgeführt hat. Er antwortet, als hätte er etwas völlig Normales gemacht: „Einem Mann war die Hand abgetrennt worden, ich habe sie wieder hergestellt. “ Er sagt, dass diese Operation zu den kleineren zähle, sie habe nur 4-5 Stunden gedauert. Er sagt, es gäbe auch welche, die 15-20 Stunden dauern. Ich frage ihn, was er tut, um sich besonders nach langen Operationen auszuruhen: „Das Leben geht wie gewohnt weiter. Zum Ausruhen ist keine Zeit.“ Ich bin neugierig, wie viele Hände er bis jetzt angenäht hat. Er erinnert sich nicht genau. Wir scheuen uns nicht, in die Computereinträge zu schauen. Nach den dortigen Einträgen hat er bis jetzt mehr als 100 Hände wieder angenäht.

Der Direktor der Abteilung für Plastische Rekonstruktion und Ästhetische Chirurgie am Klinikum Bremen-Mitte, Prof. Dr. med. C. Can Cedidi, ist ein bekannter Mediziner, seine Arbeitsschwerpunkte sind mikrochirurgische Rekonstruktionen, Handchirurgie, Verbrennungsmedizin, Ästhetische Chirurgie.

Der 1963 in Istanbul geborene C. Can Cedidi zog als Kleinkind mit seiner Familie nach Mannheim. „Mein Vater kam aus geschäftlichen Gründen. Er war Kaufmann. Meine Mutter war Zahnärztin.“ Cedidi hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester und hat bis zum Abitur in Mannheim gewohnt: „Wir spielten auf der Straße, sprachen zuhause türkisch, draußen deutsch…“ Er erzählt, dass er weiterhin Kontakt zu seinen deutschen und türkischen Freunden aus der Schulzeit habe. „Aber jetzt ist jeder mit seinen eigenen Sachen beschäftigt. Damals hatten wir wenig Verantwortung, alles machte mehr Spaß.“ Was hat sich seit diesen Jahren verändert? „Alles…“, sagt er. „Alles hat sich verändert. Damals war Deutschland ruhiger. Das Leben ist schneller geworden.“

Cedidi führte das im Jahr 1983 an der Universität Heidelberg begonnene Medizinstudium in Mainz, Hamburg und zwischen 1986-90 wieder in Heidelberg fort. Während des praktischen Jahrs war er 1989 an der Universität Texas und im Jahr 1990 an der University of Illinois in Chicago. Von 1991 bis 2005 setzte er seine Ausbildung im Bereich der Chirurgie fort an der Medizinischen Hochschule Hannover, dem Zentrum für Chirurgie an der Klinik in Rochester (USA), in der Unfallklinik Ludwigshafen, der Universität Heidelberg und der Universität Witten/Herdecke und ist seit 2006 Direktor der Klinik für Plastische Rekonstruktion und Ästhetische Chirurgie im Klinikum Bremen-Mitte. Gleichzeitig ist Prof. Dr. med. C. Can Cedidi erster Vorsitzender des Landesverbands Bremen der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, Präsident des Wundverbunds Nord e.V. und lehrt am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Göttingen. Prof. Dr. Cedidi hat zahlreiche nationale und internationale Veröffentlichungen.

Cedidi lebt seit 2006 in Bremen und mag die Stadt. Er sagt, dass er gerne hierbleiben würde: „Es ist eine schöne Stadt. Die Menschen sind nett. Es gibt hier noch viel zu tun für mich. Ich möchte einen professionell guten Dienst anbieten und meine Aufgaben gegenüber meinen Patienten so erfüllen, wie sie es verdient haben.“

Prof. Dr. Cedidi arbeitet von morgens sieben bis abends sieben, auch am Wochenende kommt es vor, dass er arbeiten muss. Wir fragen nach den Operationen, die sich ihm am meisten eingeprägt haben: „Das ist schwer zu sagen, jede Operation ist anders.“ Wir bitten ihn, uns trotzdem zwei Beispiele zu nennen: „Ein 13-jähriges Mädchen hatte Verbrennungen im Gesicht und an der Kopfhaut erlitten. Ich habe die ganze Kopfhaut genäht. Die Operation hat 5-6 Stunden gedauert. Einer jungen Frau hatte ein Hund ins Gesicht gebissen, der Hund hatte ihr ein Stück Fleisch aus dem Gesicht gebissen. Ich nahm von einem anderen Teil ihres Körpers etwas Haut und nähte das Gesicht.“ Während er weitererzählt, zeigt er mir in seinem Computer Fotos. Und gibt es noch Kontakt zu diesen Personen? „Natürlich“, sagt Prof. Dr. Cedidi. „Meine Patienten sind wie eine Familie. Mit den meisten Personen, die ich operiert habe, habe ich weiter Kontakt. Mit einigen sind wir auch befreundet. Die Frau, die ein Hund gebissen hatte, hat kürzlich geheiratet und wir waren bei der Hochzeit. Mit der jungen Frau, die in Gesicht und an der Kopfhaut Brandverletzungen hatte, haben wir weiterhin Kontakt. Je mehr Operationen wir durchführen, desto größer wird unsere Familie.“

Cedidi, der auch Nerven- und Muskeltransplantationen durchführt, macht am liebsten Brustoperationen. „Operationen zur Brustvergrößerung und –verkleinerung machen mir am meisten Spaß“, sagt er.

Ich frage nach seinen Beziehungen zur Türkei. Prof. Dr. Cedidi erzählt, dass seine 1993 geborene Tochter Asena Tiraje, sein 1995 geborener Sohn Timur Can  und er die Türkei sehr lieben. Seine Eltern, Geschwister und seine Familie träfen sich zweimal im Jahr in der Türkei, im Winter in Istanbul und im Sommer in Çeşme: „In der Türkei fühle ich mich glücklich.“

Ich frage ihn nach seiner Meinung über Deutschland und die Deutschen: „Ein Land, in dem das Leben geordnet und schnell ist“, sagt er. „Die Deutschen nehmen alles ernst. Wenn es ernst ist, wird es professionell.“ Und der Einfluss Deutschlands auf Prof. Dr. Cedidi? „Disziplin… Ich nehme meine Arbeit sehr ernst. Ich kann nichts machen, solange ich meine Arbeit nicht beendet habe. Ich möchte bei meiner Arbeit immer beste Ergebnisse erzielen.“

Klassische Musik hört Cedidi nur wenig. Er mag lieber englische Popmusik. Er spielt einige seiner Lieblingsstücke vor und bleibt bei dem Lied „Bodrum, Bodrum“ von Mazhar Fuat Özkan hängen, wird still und wir lauschen gemeinsam der schönen Musik.

Cedidi meint, dass Menschen nicht genügend in Dialog treten. „Die Menschen sollten so bleiben wie sie sind und müssten mit den ihnen eigenen Besonderheiten miteinander in Kontakt treten. Ich mag es nicht, wenn Menschen sich gleichen. So, wie ich neulich gelesen habe: ‚Simplicity is the essence of real beauty’.”

Als Prof. Dr. Cedidi uns für eine Weile verlässt, frage ich seine Sekretärin Frau Michaela Grywatsch: „Ist Herr Cedidi immer so ruhig?“ Sie antwortet: „Immer. Auch nach langen Operationen. Seine Arbeit erfordert Ruhe. Er ist sehr ruhig, freundlich, menschlich; zwischendurch schreiben wir uns E-Mails, schicken uns Witze und versuchen so uns aufzuheitern.“

Um trotz des ermüdenden hohen Arbeitstempos gesund zu bleiben, joggt Prof. Dr Cedidi regelmäßig, er geht schwimmen und macht Fitnesstraining. Es gibt jemanden, der ihn seit Jahren ideell nährt und den er gerne liest: Hermann Hesse.

Prof. Dr. med. C. Can Cedidi, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie – Handchirurgie, Klinikum Bremen-Mitte, Bremen