Hanife Kazek

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Mit ihrem Lächeln, ihrem leuchtenden Ausdruck im Gesicht erhellt sie alle Räume, die sie betritt. Sie geht zu Fuß von zu Hause zur Arbeit. Ihre Schritte sind wie die eines Spatzen. Es gibt Leute, an denen sie nicht vorbeigehen kann, ohne sie zu begrüßen. Einer davon ist der Kioskbesitzer. Dass sie in der Zentrale beliebt ist, sieht man an den Begrüßungen, die stets von einem Lächeln begleitet sind, manchmal von einem lauten Lachen. Ein Mensch voller Leben, mit sich selber im Reinen, freudig auf dem Weg zur Arbeit. Sie öffnet ihre Tasche und zeigt den mitgebrachten Proviant für diesen Tag. Die Tasche ist so maßlos voll, dass man nicht umhin kommt zu fragen, ob das alles für sie alleine ist. „Ja“, sagt sie. „Ich werde alles in den Pausen heute Nacht aufgegessen haben. Das ist jeden Tag so.”

Hanife Kazek wurde 1957 in Istanbul geboren und ist als Zehnjährige mit ihrer Familie nach Essen übergesiedelt, sie ist die erste türkischstämmige Straßenbahnfahrerin in Deutschland. Kazek, die schon seit 1980 in Gelsenkirchen Straßenbahn fährt, wird an diesem Tag unseres Zusammentreffens die neueste Straßenbahn fahren, die sie als ‚Schmuckstück’ bezeichnet. In der Zentrale arbeiten ruhige und höfliche Menschen, die sich respektvoll begegnen. Sie bereitet in der Zentrale der BOGESTRA AG die Straßenbahn vor, die sie heute fahren wird. Wir sind ihre ersten Fahrgäste. Kazek spricht, obwohl sie im Kindesalter nach Deutschland gekommen ist, ein kultiviertes ‚Istanbultürkisch’. Nur manchmal fragt sie: „Was heißt das noch mal auf türkisch?“ Sie erzählt lächelnd weiter: „Vielleicht habe ich schon mehrmals eine Weltreise gemacht, allerdings nur mit der Straßenbahn in Gelsenkirchen.” Wir fragen sie nach den schwierigen und einfachen Seiten des Straßenbahnfahrens:

„Busse und Straßenbahnen sind der Puls der Stadt. Aber die Straßenbahnen machen den Transport möglich, ohne der Umwelt zu schaden. Weil Straßenbahnfahrer an das Schienensystem gebunden sind, können sie in Gefahrensituationen nicht nach rechts oder links ausweichen. Deswegen ist der Bremsweg im Vergleich zu anderen Transportmitteln länger. Man muss die Gefahr voraussehen können, um frühzeitig zu bremsen. Sie müssen immer eventuelle Fehler von Autos, Fußgängern und Radfahrern einkalkulieren: Passanten mit Kopfhören, parkende Autofahrer, die plötzlich ihre Tür aufreißen… Da ist äußerste Vorsicht geboten.“

Sie ist Mutter von einem 32-jährigen Sohn und einer 25-jährigen Tochter. Sie beschwert sich darüber, dass in den letzten Jahren durch das vermehrte Verkehrsaufkommen das egoistische Verhalten im Straßenverkehr gestiegen ist. „Aber trotz allem sind wir am Ende unserer Schicht glücklich, dass wir unsere Fahrgäste pünktlich und ohne Unfälle an ihr Ziel bringen konnten.“

Und was passiert, wenn es doch zu Unfällen kommt? Kazek antwortet: „Bei Unfällen und anderen Sachen mit einem schlimmen Ausgang bietet das Unternehmen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern psychologische Betreuung durch Fachpersonal an.”

Welche Aufgaben haben Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer noch? „Sie helfen Menschen, die erschöpft in der Bahn eingeschlafen sind oder ihre Haltestelle verpasst haben. Sie geben Auskunft, geben Informationen an Menschen, die fremd in der Stadt sind. Sie helfen Kindern, die nicht wissen, wie sie nach Hause kommen sollen. Sie leisten erste Hilfe, wenn jemand in Ohnmacht gefallen ist, wenn nötig rufen sie den Rettungswagen oder benachrichtigen Feuerwehr und Polizei.”

Mit den Fahrgästen entstehen bestimmt interessante Dialoge: „Ja, das stimmt”, bestätigt Kazek. „Besonders mit älteren Fahrgästen. Sie bedanken sich dann mit einem Bonbon für meine Hilfe. Wenn ich einem Fahrgast, der zur Bahn rennt, noch einmal die Tür öffne, freut mich sein lächelnder dankbarer Gesichtsausdruck, ebenso, wenn ich mit der unterzuckerten Frau mein Brot teile und sehe, wie wieder Farbe in ihr Gesicht kommt.

Es passiert auch, dass ich den Schulkindern bei den Hausaufgaben helfe, ihre Fragen beantworte, Mathematikaufgaben löse. Ich habe einmal an der Endstation einem Schüler geholfen einen Aufsatz über Mehrpersonentransportmittel zu schreiben. Bis 1990 gab es sogar kleine Tischchen für die Schulbücher. Damals haben Straßenbahnfahrer viele Schüler glücklich gemacht.”

Eine der schönsten Erinnerungen von Kazek ist Folgende: „Eine Karnevalgruppe hatte beim Singen eines berühmten Karnevalliedes den Text vergessen, ich habe mich eingeschaltet und weitergeholfen, damit sie das Lied fortsetzen konnten. Ich habe damals sehr viel Beifall von der Gruppe erhalten.Da ich eine enge Verbindung zu diesem Lied hatte, habe ich auch mit Freude mitgesungen. Meine Tochter singt in ihrem Fußballverein ständig dieses Lied. Das Lied handelt von der Straßenbahnfahrt und von meiner Geburtsstadt Istanbul und geht so: ‚Heute fährt die 18 bis nach Istanbul… Istanbul…Istanbul… Wir packen lecker Kölsch ein und den Liegestuhl, wir fahren bis nach Istanbul… Denn dort ist es doch soo cool…”

Hanife Kazek, Straßenbahnfahrerin, Gelsenkirchen