Kadir Albay

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Das Land der Klaviere ist Deutschland, seine Hauptstadt Berlin. Wenn man bedenkt, dass dieses Land in seiner Geschichte mehr als 300, darunter weltweit berühmte Klaviermarken hervorgebracht hat, kann man schon sagen, dass das Land der Klaviere Deutschland und die Hauptstadt des Klavierlandes Berlin ist. In der Hauptstadt der Klaviere lebt ein gefragter türkischer Meister: Kadir Albay. Er arbeitete in den weltweit berühmtesten Klavierfirmen F. Manthey, A. Grand, W. Biese, C. Bechstein, sammelte dort Erfahrungen. Sein Interesse an diesem Musikinstrument begann in den Jahren, als er die Berufsschule in Istanbul besuchte. Seine ersten Unterrichtsstunden erhielt er von einem der damals bedeutendsten Klavierbaumeister, Viran Fasulyeciyan. Der Vorschlag, nach Deutschland zu gehen, kam von seinem Meister: „Hier gibt es nichts mehr, was du tun könntest. Geh nach Deutschland und erweitere deine Kenntnisse.“

Der im Jahr 1939 in Ankara geborene Kadir Albay folgte dem Rat seines Meisters und kam nach Berlin. „Es gab mir eine große Sicherheit, dass ich bei einem Meister ausgebildet wurde, der mir die Liebe zum Beruf und die Berufsmoral beigebracht hatte. 1967 begann ich bei C. Bechstein, einer bedeutenden Klaviermarke. Hier waren die besten Meister des Klaviers. Es war noch die Zeit, als Klaviere von Anfang bis Ende von diesen Meistern gebaut wurden. Mit meinem Interesse am Klavier, meiner Liebe zu dieser Arbeit, meinem Fleiß und meinem Bemühen, alle Feinheiten des Klavierbaus zu lernen, zog ich die Aufmerksamkeit der Meister auf mich. Kurze Zeit später wurde mir ohne die vorgeschriebene Ausbildung gemacht zu haben mit einer zum ersten Mal in Deutschland ausgestellten Sondergenehmigung der Meisterbrief gegeben.“

Zwischen 1965-1977 sammelte Albay Erfahrung in Produktionszentren der wichtigsten Klaviermarken wie C. Bechstein, Manthey, A. Grand, W. Biese und beschloss 1977 seinen eigenen Betrieb zu eröffnen.

In dem Privatbereich des Ladens und der Werkstatt des Klavierbaumeisters Albay unterhalten wir uns mit dem Klavierbaumeister. Auf dem Tisch steht ein von Henry Steinway signiertes Steinway Buch. „Zu Beginn war es nicht einfach. Die Deutschen waren erstaunt, als ihnen ein Türke als Klavierbaumeister gegenüberstand. Es gibt immer noch welche, die darüber erstaunt sind. Bei ihrem ersten Besuch sind sie skeptisch, doch wenn man seine Arbeit getan hat, sind sie glücklich und empfehlen mich weiter.“

Die größten Klavierbaumeister und Sachverständigen, die in Berlin leben, sind enge Freunde und Kollegen von Albay. In einem Ordner hat er sorgfältig Schreiben von bekannten Klavierbaumeistern wie F. Manthey, Lutz Reibeholz, Jörg Scherer, Ernst Schittger gesammelt, die sein Können loben. „Natürlich macht es mich stolz, wenn diese Kollegen, die zu den besten Meistern gehören, die ich kennen gelernt habe, und Gutachter wie die deutschlandweit namhaften Manthey und Reibeholz, mein Können loben“, sagt er.

Albay ist überzeugt, dass der Beruf des Klavierbaumeisters der schönste, aber auch schwierigste Beruf auf der Welt ist. Albay nennt uns ein Beispiel:

„Einmal rief ein Kunde an und sagte, dass er mit seinem Klavier nicht zufrieden sei, dass aus seinem Klavier fremde Klänge kämen. Vier Meister seien schon zu Hause gewesen, aber sie hätten das Problem nicht beheben können. Unterwegs telefonierte ich mit ihm und fragte, was ihn störe. Bei dem Kunden zu Hause untersuchte ich das Klavier eine halbe Stunde lang. Äußerlich war nichts zu sehen, doch er hatte recht, das Klavier klang seltsam. Als ich begann, den Grund nicht im Klavier, sondern außen zu suchen, merkte ich, dass das seltsame Geräusch nicht vom Klavier, sondern von einem Haken an der Gardinenleiste am Fenster hinter dem Vorhang kam. Der Haken war nicht richtig festgemacht worden und die Klangwellen vom Klavier erzeugten dieses seltsame Geräusch. So einfach war die Lösung des Problems.“

In einem anderen Beispiel erzählt er:

„Einen Kunden, der sagte, dass er aus Potsdam anrufe, bat ich, sein Anliegen am Telefon zu schildern. Aus seinem Bericht konnte ich zurückschließen auf das Problem. Dabei sagte der Kunde, dass ein paar Mal Meister in die Wohnung gekommen seien und das Problem nicht hätten lösen können. An einem Sonntag fuhr ich mit dem Zug nach Potsdam, die Tochter meines schon älteren Kunden holte mich mit dem Wagen ab und fuhr mich zu ihnen nach Hause. Sie hatten mir einen schönen Tisch mit Kaffee und Kuchen gedeckt.

Da es am Klavier kein großes Problem gab, war ich innerhalb einer halben Stunde fertig. Der Kunde bedankte sich, weil er sein 40 Jahre altes Klavier wieder spielen konnte und reichte mir einen Umschlag. Sie gaben mir noch Kuchen für die Reise mit. Als ich das Haus verlassen hatte, kehrte ich noch einmal zurück, weil ich den Betrag im Umschlag zu hoch fand und drängte ihn, die Hälfte zurückzunehmen. Ich hätte nicht 200 Euro von jemandem nehmen können, der eine Rente von 600 Euro bekam. Es vergingen einige Monate und es kam ein junges Paar, das ein Klavier kaufte. Sie handelten gar nicht, nahmen an, was ich auch vorschlug; dieses Verhalten war auffallend. Es stellte sich heraus, dass dieser ältere Kunde sie geschickt und ihnen gesagt hatte: ‚Ihr könnt alles glauben, was er sagt, ihr könnt sein Klavier blind kaufen’.“

Kadir Albay fuhr im Jahr 2004 nach Ankara, um den Bechstein-Flügel, den Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1932 in den Palast bringen ließ, innerhalb von acht Tagen zu reparieren und auf das Konzert vorzubereiten, an dem der Staatspräsident der Türkei, Ahmet Necdet Sezer und der Staatspräsident Russlands, Vladimir Putin, teilnehmen sollten. Er machte das unentgeltlich.

„Es ist eine ausreichende Ehre für mich, Atatürks Flügel zu reparieren, das kann mit Geld nicht aufgewogen werden. Ich bin derjenige, der sich bei ihnen bedankt, dass sie mir die Ehre zuteil werden ließen, Atatürks Flügel zu reparieren.“ Dieses Verhalten wurde vom Präsidialamt als tugendhaft gelobt und mit einem Geschenk sowie einem Schreiben belohnt.

Dieses Erlebnis, das im Berufsleben von Albay einen wichtigen Platz einnimmt, hat eine weitere erfreuliche Seite: „Als das Präsidialamt wegen der Reparatur des Flügels bei C. Bechstein anfragte, wurde ich für die Reparatur empfohlen. Sie sagten: ‚Am besten kann Herr Albay Ihren Flügel reparieren’ – und das ist eine besondere Ehre für mich.“

Der Klavierbaumeister initiierte außerdem den Aufbau eines Studiengangs Klavierbau und –reparatur in der Türkei und hält vier Mal im Jahr Vorlesungen an der Universität Istanbul, in dem 2009 eingerichteten Studiengang. Albay bemüht sich darum, dass dieser Fachbereich ebenso an zwei anderen Universitäten aufgebaut wird.

Dem 72-jährigen Kadir Albay macht es ganz besondere Freude, dass sein 39-jähriger Sohn Hakan Albay ebenfalls den Beruf des Klavierbauers gewählt hat und er seine ganze Erfahrung und sein Wissen an ihn weitergeben kann. Hakan hat nach seiner 4-jährigen Berufsausbildung die Klavierbaumeisterschule abgeschlossen und den Meisterbrief in Augsburg erhalten. Er ist  deutschlandweit einer der gefragtesten Klavierstimmer.

Während wir uns mit Vater und Sohn Albay unterhalten unterbricht ein Klavierkonzert aus dem Radio unser Gespräch. Vater und Sohn schauen zum Radio und sagen: „Und wenn wir solche Klänge hören, möchten wir am liebsten hingehen und das Klavier stimmen.“

Kadir Albay und sein Sohn Hakan Albay, Klavierbaumeister, Berlin