Karekin Bekçiyan (Bekdjian)

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Aus der Ferne verfolge ich ihn seit Jahren. Ich habe immer schöne Dinge über ihn gehört und gelesen. Immer hat mich beeindruckt, dass neben den Armeniern auch viele meiner atheistischen Freunde ehrfürchtig über diesen Geistlichen sprechen. Ich wusste, eines Tages würden wir uns kennen lernen. Hätte es keinen Grund gegeben, hätte ich ihn eines Tages aufgesucht und hätte gesagt, ‚ich bin Ihr Bruder, ich bin gekommen, um Sie kennen zu lernen’.

Der geistliche Führer der Armenischen Kirche in Deutschland, Erzbischof Karekin Bekçiyan, spielt eine bedeutende Rolle innerhalb der Armenischen Kirche. Karekin Bekçiyan verfügt über tiefgründiges religiöses Wissen und ist daneben ein sehr kultivierter Mann. Es liegen zahlreiche Übersetzungen dieses belesenen fleißigen Geistlichen im Türkischen, Armenischen und Deutschen vor.

Nachdem er mich in der armenischen Kirche in Köln gemeinsam mit seinen Kollegen freundschaftlich begrüßt hat, empfängt mich Bekçiyan in seinem geräumigen Arbeitszimmer. Ich sehe, dass alles, was ich über diesen äußerst ruhigen, sympathischen, offenen und menschenfreundlichen Mann gehört und gelesen habe, richtig ist. Mein Respekt und meine Zuneigung verstärken sich gleich in den ersten Minuten. Er spricht in einem ausgesprochen guten Türkisch. Ich wusste, dass Istanbul seine Geburtsstadt ist und er diese Stadt sehr liebt. Ich frage trotzdem nach: „Ich bin aus Istanbul“, sagt er. „Ich bin dort geboren. Mein Türkisch ist das Türkisch Istanbuls. Mein Zuhause ist Istanbul. Ich habe Anatolien nicht gesehen, ich war nur in Diyarbakır und Kayseri. Ich bin Istanbuler.“

Ich bin neugierig und erkundige mich nach dem Türkisch-Armenisch-Deutsch Wörterbuch, an dem er schon lange Jahre arbeitet. Er sagt, es würden gerade die letzten Korrekturen dieses 1998 begonnenen Wörterbuchs gemacht und es werde demnächst veröffentlicht.

Karekin Bekçiyan wurde 1942 in Istanbul geboren. Seine Eltern stammen beide aus Ankara. Sein Vater sprach kein Armenisch, seine Mutter nur wenig. Er hat eine Schwester, die ein Jahr älter ist. Als er begann mit seiner Schwester die Grundschule der Pangaltı Ermeni Lisesi zu besuchen, konnte er gar kein Armenisch. Das Armenisch lernte er innerhalb kurzer Zeit. „Wenn ich mit dem Rektor der Schule auf Armenisch sprach, belohnte er mich mit Bonbons und Schokolade. Um noch mehr Schokolade zu essen, lernte ich noch schneller armenisch.“

Nachdem er zunächst zwischen 1959-1961 in Istanbul an der Üsküdar Tıbrevank Ermeni Ruhban Okulu seine Ausbildung zum Geistlichen beendet hatte, kam Bekçiyan 1965 in seinem letzten Semester an der Fakultät für Literaturwissenschaften der Universität Istanbul als Stipendiat nach Deutschland. Er sagt, dass die Ereignisse des 6.-7. September 1955 dazu beigetragen haben, dass er sein Studium in Deutschland fortsetzte. Er studierte Pädagogik in Bochum und Köln und setzte seine Tätigkeit als Geistlicher in Deutschland fort bis er 1973 nach Marseille ging. Nach 18 Jahren als Geistlicher in Frankreich kehrte er 1991 nach Deutschland zurück und nahm dort seine Tätigkeit in der Armenischen Kirche in Köln auf.

Ich frage ihn, wie sich Deutschland zwischen 1965 und 2011 verändert hat. „Deutschland hat sich stark verändert“, beginnt Bekçiyan. „Die Gesellschaft ist degeneriert. Die Jugendlichen benehmen sich seltsam, stecken sich Metallteile ins Gesicht, malen etwas auf ihre Körper. Die Religiösität hat nachgelassen. Die Menschen sind durcheinander. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Die Arbeit strengt die Menschen sehr an. Die Charaktere haben sich auch verändert. Grundlage der Gesellschaft bilden die Ehen. Die Ehen funktionieren nicht, die Kinder aus diesen Ehen wachsen ohne Familie auf. Die Eltern fühlen sich nicht verantwortlich für die Kinder, die sie auf die Welt gebracht haben.“

Ich frage ihn, wie er die deutsche Gesellschaft sieht: „Sie sind Menschen, die wie aufgezogene Maschinen von der Arbeit nach Hause und von dort wieder zur Arbeit gehen. Es sind aufrichtige Menschen, sie halten ihr Wort, wenn ja, dann sagen sie ‚ja’, wenn nein, dann ‚nein’.“

Ich frage nach der armenischen Gemeinde in Deutschland und ihrer Beziehung zur Kirche:

„In der armenischen Kultur hat die Kirche immer eine bedeutende Rolle gespielt. Die Kirche versucht die Erwartungen zu erfüllen. Daneben unterstützt sie die Armenier in ihrem Bemühen ihre ethnische Existenz in der Diaspora zu bewahren. Zuerst kamen die Armeiner aus der Türkei nach Deutschland, es folgten Armenier aus dem Iran, Syrien und Armenien. Wir können von einer Gemeinde mit 50 000 Mitgliedern sprechen. Da sie aus verschiedenen Teilen Deutschlands zusammenkommen, geben wir die Sprach- und Geschichtskurse freitags, samstags und sonntags. Parallel dazu bemühen wir uns, nicht auf politische Themen einzugehen. Jedes Jahr führen wir 3-4wöchige Veranstaltungsreihen durch, um die armenische Kultur in Deutschland bekannt zu machen.“

„Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn es um Istanbul geht“, frage ich: „Zu Istanbul fällt mir zuerst der Sitz des Patriarchen in Kumkapı ein. Als wir zur Galatabrücke gingen, um Brot und Fisch zu essen, schien die Welt uns zu gehören. In den Dolmuş steigen, im Dolmuş die Musikkassetten des Fahrers hören… In Istanbul gibt es vieles, was mich glücklich machen würde. Aber Istanbul hat sich verändert. Wenn ich meine damalige Zeit dort mit dem heutigen Istanbul vergleiche, sage ich mir‚das ist nicht mein Istanbul’. Aber schauen Sie sich andererseits die Hotels an, sie sind sauber, das Personal ist gut ausgebildet. Du gehst raus auf die Straße, sie sind voll mit Menschen aus Anatolien.“

Die türkisch-armenischen Annäherungen der letzten Jahre sieht Bekçiyan sehr positiv. Er erzählt davon, dass jüngst in der Kirche sieben türkisch-armenische Ehen geschlossen wurden: „Das Eis beginnt zu brechen. Es macht mich glücklich die guten Schritte zu sehen. Menschen verständigen sich über das Sprechen. Je mehr sie sich einander annähern, miteinander sprechen, umso mehr wirkt sich das auf alle Bereiche aus.“

Karekin Bekçiyan (Bekdjian), Erzbischof, Primas der Armenisch-Apostolischen Kirche in Deutschland, Köln