Mine Matern

no images were found

Die Arme eines Schmieds sind kräftig, das ist normal. Eine rhythmische Gymnastikerin ist schlank und beweglich, auch das ist normal. Anwälte sind aufmerksam, Ingenieure achten auf Details. Welche Auswirkungen hat der Beruf einer Lebensmittelchemikerin auf ihr Leben?

„Bei uns ist alles top secret“, sagt sie. Ich frage, warum.

„Um ein neutrales Gutachten erstellen zu können, muss ich objektiv sein. Meine wichtigsten Arbeitgeber sind Gerichte. Niemand soll mir vorwerfen können, dass ich bestechlich bin. Ich knüpfe meine Kontakte sehr bedacht. Ich habe diese Arbeit jahrelang erfolgreich ausgeführt und möchte es auch in Zukunft machen. Deshalb spreche ich nicht über meine Arbeit. Ich halte Abstand zu Menschen, die in Firmen arbeiten, in denen Nahrungsmittel produziert werden.“

Prof. Dr. Mine Matern ist eine in ganz Deutschland anerkannte Lebensmittelgutachterin, die ihre Arbeit sehr gewissenhaft durchführt. Wir treffen sie im Presse Club München. „Mein Ehemann hat mir geraten, hier Mitglied zu werden. Er wollte, dass ich Kontakte zu unterschiedlichen Menschen bekomme und mich mit unterschiedlichen Ansichten auseinandersetze.“

Mine Matern wurde 1945 in Bursa geboren. Von der Grundschule bis zum Ende der Oberschule lebte sie in Ankara. Als sie beschloss, ihre Ausbildung in Deutschland fortzusetzen, sprach sie zuerst mit ihrem Vater. Er kannte die deutsche Kultur und schlug vor, dass sie in einer Region studiert, in der Hochdeutsch gesprochen wird, z.B. in Braunschweig. Die Stadt hat ihr nicht gefallen. Sie wollte zurückkehren, doch ihr Vater riet ihr, es wenigstens noch sechs Monate auszuprobieren. Sie wies seinen Vorschlag nicht zurück und schrieb sich an der Technischen Universität Braunschweig für Lebensmittelchemie ein. Das Interesse an Lebensmitteln liegt bei ihr in der Familie. Ihr Vater, Agraringenieur und Ökonom, war einer der Gründer der wichtigsten Nahrungsmittelorganisationen der Türkei. Ihr Professor riet ihr davon ab, denn es gehe hier um Chemie, sie sei eine Ausländerin und zugleich eine Frau. Sie war am Boden zerstört. Sie mochte die Stadt nicht, sie war einsam, hinzu kam die abweisende Haltung des Professors. Vielleicht hat sie sich innerlich geschworen, dem Professor das Gegenteil zu beweisen. Sie hat all ihre Prüfungen mit Auszeichnung abgelegt und ihr Studium mit ‚sehr gut’ beendet. Aus diesem Anlass wurde sie von dem damaligen Botschafter in Bonn schriftlich beglückwünscht. Auf Vorschlag eines anderen Professors bewarb sie sich 1966 beim staatlichen Untersuchungsamt München und wurde eingestellt. „Ich habe jahrelang studiert, doch am meisten habe ich während der Arbeit gelernt“, sagt sie über diese Arbeitsstelle, bei der sie ein Jahr tätig war. Ihre Doktorarbeit zum Thema „Eigenschaften der ß-Glucoroidase in der Kuhmilch“ schrieb sie zwischen 1969-1972 bei Prof. Dr. Kiermeier. Seit 1978 arbeitet sie als freiberufliche Sachverständige in München.

Frau Matern erzählt nur wenig über ihre Arbeit. Was sie in den letzten Tagen gemacht hat, woran sie während ihrer 40-Stunden Woche arbeitet, bleibt uns verborgen. Wenn sie aber wieder in ihre Gedanken versunken ist, sehen wir ein Lächeln in ihrem Gesicht. Aufgrund unserer Hartnäckigkeit gibt sie nach und erzählt kurz und knapp, worum es geht: „Ich sollte ein Gutachten über ein Kosmetikprodukt erstellen, das in einem westeuropäischen Land produziert wird. Man sagte mir es sei ein sehr teures Produkt, aufwendig verpackt, zur Verschönerung der Augen. Als ich dieses teure Produkt untersuchte, musste ich feststellen, dass es gar keine nützlichen Mittel enthält. Dieses Produkt, das angeblich die Augen verschönern sollte, wurde in Deutschland nicht zugelassen.“

Matern ist u.a. Mitglied in der Gesellschaft Deutscher Chemiker und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen.

Wir bitten Prof. Dr. Mine Matern uns zu erzählen, was sich im Vergleich zu früher in Bezug auf Kontrolle und Qualität im Nahrungsmittelbereich geändert hat: „Die Anzahl der Produkte ist rapide angestiegen. Während anfangs das Nahrungsmittelgesetz aus einem Buch mit einigen Seiten bestand, umfasst es heute drei dicke Bände.“ Es gibt einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittel und Preis. Alles hat seinen reellen Wert. Der Verbraucher muss daher bewusst einkaufen und alles mit Vorsicht genießen.“

Wir wollen wissen, inwiefern die Menschen aus der Türkei die deutsche Esskultur beeinflusst haben: „Es gibt sowohl ein geschriebenes als auch ein ungeschriebenes Gesetz. Eine qualitative Ware wird auf der ganzen Welt seine Abnehmer finden. Die Türken haben die deutsche Küche bereichert mit frischen Tomaten, viel frischem Gemüse und Pide sowie verschiedenen Gerichten und Vorspeisen. Gute Sachen nimmt man gerne an.“

Frau Matern engagiert sich in der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bayern und hat in ihrem Leben alles erreicht, was sie wollte: „Die Menschen ähneln sich. Wenn ein guter Mensch einen Gleichgesinnten trifft, läuft alles im Lot. Jeder gute Mensch gehört dem gleichen Volk an und braucht keinen Pass. Ich kann der Trennung nach Nationalität nichts abgewinnen. Ich finde die nationale Trennung sehr unangemessen.“

Prof. Dr. Mine Matern, Lebensmittelchemikerin, Gutachterin, München