Mukaddes Ergül

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Wir sind auf der Fußgängerbrücke, die den Bahnhof mit der Innenstadt verbinden wird. Die Brücke ist noch in Bau. Die für den Bau der Brücke verantwortliche Ingenieurin Mukaddes Ergül führt die letzten Kontrollen durch, denn sie wird demnächst eröffnet. „Ein mittelgroßer Auftrag“, sagt sie. „Diese Brücke wird besonders für diejenigen eine Entlastung sein, die den Bahnhof nutzen“.

Die Wolken über Remscheid spielen Verstecken mit der Sonne. Zwischendurch lächelt die Sonne, dann weicht sie wieder den Wolken und dem Wind. Frau Ergül versucht den Plan der Brücke vor den Regentropfen zu schützen, die von Zeit zu Zeit niederfallen. Die Bauingenieurin Mukaddes Ergül arbeitet seit zehn Jahren bei der Stadtverwaltung Remscheid. Seit ein paar Jahren leitet sie die Arbeiten dieser Baustelle: „Im Allgemeinen sind wir mit Baustellen, der Leitung von Bauarbeiten, Kalkulation, der Kontrolle der Sachen, die der Stadt gehören, und der Renovierung und Pflege beschäftigt.“

Mukaddes Ergül wurde 1973 in Leverkusen geboren. Ihr Vater hatte 1964 begonnen bei einem Betrieb für Metallverarbeitung zu arbeiten, wechselte dann zur Deutschen Bahn und ging nach 25 Jahren Arbeit bei Bayer in Rente. Sie und ihre vier Geschwister wurden in Deutschland geboren. Jedes der Geschwister hat eine Ausbildung. Sie sagt, dass es zwei ihrer Geschwister in höhere Positionen geschafft haben. „Sie sind eigentlich interessanter als ich“, sagt sie und lacht.

Ergül interessierte sich schon in ihrer Kindheit für Technik. Mathematik und Berechnungen haben ihr immer Spaß gemacht: „Mit dieser Arbeit hier bleibe ich meinem Interesse an Berechnungen treu. Wenn etwas auf dem Bau schiefläuft, fühle ich mich dafür verantwortlich. Ich finde es auch sehr wichtig, die eingeplanten Baukosten nicht zu überschreiten. Ich achte darauf, dass keine zusätzlichen Gelder beantragt werden müssen. Das zeigt dann, dass meine Berechnungen richtig waren und ich behalte immer im Auge, dass diese Budgets aus Steuergeldern beglichen werden.“

Ihre deutschen Arbeitskollegen haben zuerst, als Ergül auf die Baustelle kam, gedacht, dass sie Praktikantin sei und monatelang hat sie nichts gesagt.

„Wann sind sie Türkin, wann Deutsche?“, frage ich.

„In der Türkei sind wir Deutsche. Mein Türkisch ist nicht so gut. Ich bin sehr zurückhaltend beim Sprechen. Besonders wenn ich in der Türkei etwas einkaufen möchte, ist das keine gute Voraussetzung zum Handeln. Spaß beiseite, in der Zeit meines Lebens in Deutschland musste ich keine Hürden überwinden, vielleicht, weil ich in der Schule eine gute Schülerin war. Ich wurde nie ausgegrenzt, aber trotzdem sehe ich mich als Türkin. Wenn ich nicht jedes Jahr mindestens ein Mal in die Türkei fahre, fehlt mir etwas.“

Lachend erzählt sie von einem Vorfall mit ihren deutschen Nachbarn: „Es war in den 1970er-Jahren. Als wir aus der Türkei zurückkehrten, hatte meine Mutter seine sehr große Wassermelone für unsere Nachbarn gekauft und wir hatten die Wassermelone so im Wagen verstaut, dass ihr nichts passierte. Zu Hause angekommen, schenkte meine Mutter die Melone unseren Nachbarn. Als ein paar Tage später unsere Nachbarin an der Tür klingelte und sagte, ‚ihr habt uns die Melone geschenkt, habt uns aber nicht gesagt, was wir damit machen sollen. Wird sie roh oder gekocht gegessen?’, mussten wir alle wirklich lachen.“

In der Zwischenzeit kommen Anrufe und obwohl dieses alles Anrufe wegen der Arbeit sind, beantwortet Ergül unsere Fragen humorvoll. „Lachen steht bei uns zu Hause an oberster Stelle. Zu Hause lachen wir alle gerne.“

Was Ergül in Deutschland am meisten erbost, ist die deutsche Presse. Sie denkt, dass ein großer Teil fahrlässig und ohne sorgfältige Recherche publiziert: „Ich ärgere mich darüber, dass die in Deutschland lebenden Türken in der deutschen Presse nur als HartzIV-Empfänger und die türkische Frau nur dick, mit Kopftuch in Begleitung vieler Kinder, ohne jegliche Deutschkenntnisse gezeigt wird.“

Vor Ergül steht ein großes Bauvorhaben, neben ihrer Arbeit an der Fußgängerbrücke bereitet sie das neue Projekt vor: „Wir werden eine baufällige Brücke abtragen und eine neue bauen. Die Stadt braucht Brücken.“ Ergül würde in den nächsten Jahren gerne beim Rechnungsprüfungsamt arbeiten.

Mukaddes Ergül, Bauleiterin bei der Stadt Remscheid, Bauingenieurin, Remscheid