Nazmiye Arabacı

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Wenn eine Frau nachts als Taxifahrerin arbeitet, kann die erste typische Frage lauten, ob sie denn keine Angst habe. Eine zweite typische Frage lautet vielleicht, was sie denn tue, um sich bei dieser anstrengenden Arbeit zu entspannen. Die Antwort auf die erste Frage lautet: „Nein, ich habe keine Angst, ich hatte zu Beginn keine Angst und ich habe jetzt keine. Wenn Sie die adäquate Distanz zu Kunden halten, einen guten Dialog mit ihnen führen und auf einige Feinheiten achten, gibt es keinen Grund, warum eine Frau nicht als Taxifahrerin arbeiten sollte. Und zur Entspannung habe ich die klassische Musik – Vivaldi und Mozart entspannen mich. Auch Filmmusik. Aus diesem Grund höre ich meist Berlin Klassik Radio. Darüber hinaus habe ich meist Romane aus der Weltliteratur bei mir, die lese ich.“

Diese Sätze passen zu der Frau, die mir gegenüber sitzt, denn Nazmiye Arabacı ist ein Mensch, der genau zu diesen Aussagen passt.

Als sie Ende 1987 heiratete, ließ sie sich in Berlin nieder. Ihr Mann ist der Sohn eines Arbeiters, der 1961 nach Deutschland kam. Ihr Kontakt mit der deutschen Sprache reicht zurück bis in ihre Kindheit. Nazmiye Arabacı, geboren 1969 in Sakarya, hat zweieinhalb Jahre in Österreich gelebt und hat dort die Schule besucht. 1988 wurde ihre erste Tochter, 1990 ihr Sohn und 1995 ihre zweite Tochter geboren. Sie fasst ihre eigene Geschichte so zusammen:

„Meine ersten zehn Jahre in Deutschland vergingen damit, mit meinem Mann eine gemeinsame Sprache zu finden. Es hat nicht geklappt. Wir haben uns getrennt. In dieser Zeit habe ich versucht, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, dass ich die anderen Gebäude meiner Vermieterin reinigte. Meine Vermieterin, Frau Wieland, war wie eine Mutter für mich und meine Kinder. Ohne sie hätte ich so viele Probleme nicht bewältigen können. Da ich eine Allergie hatte, konnte ich nicht weiter putzen. In dieser Zeit habe ich meinen Realschulabschluss an der Volkshochschule gemacht. Ich habe dann bei einer Versicherung gearbeitet und im Jahr 2000 angefangen Taxi zu fahren. Seit drei Jahren fahre ich mit meinem eigenen Wagen. Ich fahre sieben Tage die Woche, täglich zehn Stunden. Da ich im Taxi immer sitzen muss, mache ich regelmäßig Fitnesstraining. Meine älteste Tochter habe ich vor Kurzem verheiratet. Da mein Sohn behindert ist, arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt. Meine jüngste Tochter geht noch zur Schule. Meine zweite Ehe hat nur vier Jahre gedauert. Da ich ein Mensch bin, der die Ruhe in sich sucht, bin ich glücklich Taxi zu fahren, zu arbeiten und unabhängig zu sein.“

Wie hat man darauf reagiert, dass eine türkische Frau Taxi fuhr, wie haben die Kinder darauf reagiert?

„Meine älteste Tochter hat es zunächst abgelehnt. Später haben sich die Kinder daran gewöhnt, jetzt erzählen sie voller Stolz, dass ihre Mutter ihr Geld mit Taxi fahren verdient. Auch für Deutsche ist es fremd, dass eine Frau als Taxifahrerin arbeitet. Aber das ist nicht so wichtig.“

Welche Art von Kunden gibt es?

„Die Kundschaft am Wochenende ist anders als die innerhalb der Woche. Auch sind Kunden, die nachts fahren, anders als die, die tagsüber fahren. Einen Kunden, der tagsüber einsteigt und mit Ihnen im Auto oder am Telefon sehr bedacht spricht, erleben Sie nachts oder am Wochenende ganz anders.“

Und Erinnerungen?..  Die Sammlung der Erinnerungen beginnt sie mit einem zeitnahen Ereignis: „Es war an einem Tag kurz vor der Hochzeit meiner Tochter, als wir mit den Vorbereitungen beschäftigt waren“, sagt Nazmiye Arabacı und beginnt zu erzählen: „Es war Zeit nach Hause zu fahren. Da habe ich ein sympathisches Paar gesehen, das den Arm hob. Sie waren mir wirklich sehr sympathisch und ich hielt ganz automatisch. Sie erzählten, dass sie ein paar Stunden in Berlin bleiben wollten und wünschten sich eine Stadtführung. Diese Tour machten wir ganz schnell. Es war ein griechisches Paar. Sie konnten etwas Türkisch. Wir haben uns unterhalten, ich erzählte davon, dass wir die Hochzeit meiner Tochter vorbereiten. Sie gingen in Kirchen, ich fotografierte sie. Wir verbrachten ein paar schöne Stunden. Innerhalb kurzer Zeit waren wir Freunde geworden. Am Ende der Tour brachte ich sie zum Flughafen. Nachdem sie das Geld für die Tour bezahlt hatten, reichten sie mir einen Umschlag und sagten: „Und das ist für deine Tochter.“ Als sie mich drängten, nahm ich ihn an. Mit dem Geld habe ich meiner Tochter in ihrem Namen als Hochzeitsgeschenk eine schöne Kaffeemaschine gekauft.“

Nazmiye Arabacı ist richtig verliebt in Berlin. Sie fühlt sich zu Hause in dieser Stadt und sagt, dass ihre Beziehungen zu den Nachbarn viel dazu beigetragen haben: „Mit Frau Wieland, die für mich und meine Kinder wie eine Mutter war, haben wir immer noch einen guten Kontakt. Als wir wegen der Hochzeitsfeier meiner Tochter viele Gäste hatten, haben meine deutschen Nachbarn ihre Wohnungen für uns geöffnet.“

Nazmiye Arabacı sagt, dass sie ihr Leben mit ihren Kindern zusammen in Berlin verbringen  und sobald es ihr möglich ist, eine bescheidene Wohnung kaufen möchte. „Aber unter einer Bedingung“, sagt sie, „unter der Bedingung, dass ich dabei unabhängig und entspannt bleiben kann. Unabhängigkeit ist meine größte Lebensphilosophie. Ich wünsche auch meinen Kindern, dass sie ein unabhängiges Leben führen.“

Nazmiye Arabacı, Taxifahrerin, Berlin