Özlem Sarıkaya

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„Mich beeindrucken weder Philosophen, große Schriftsteller noch Politiker, sondern die Menschen, denen ich begegne.
Natürlich lese ich gerne die Werke bedeutender Menschen, aber die Energie bekomme ich durch die Menschen, denen ich begegne, und durch ihre Aura. Ich muss einen Menschen erst kennenlernen, bevor ich ihm mit Respekt begegne. In meinen Jugendjahren habe ich auch keine Poster von Idolen an den Wänden meines Zimmers gehabt.“

Bei diesen Äußerungen merkt man sofort, dass dahinter ein Mensch steht, der sich gegen den aktuellen Mainstream der Zeit wehrt, eine Person, die ideelle Werte in das Zentrum ihres Lebens stellt. Wenn man erfährt, dass es sich bei dieser Person um eine Journalistin handelt, wird man sagen, dass das passt.

Özlem Sarıkaya ist im Bayerischen Fernsehen eine von den Moderatorinnen, die aufmerksam verfolgt werden. Sarıkaya moderiert das interkulturelle Kulturmagazin ‚Puzzle: Viele Kulturen- ein Land’.

Wir treffen uns mit Özlem Sarıkaya im Café Gap, in der Goethestrasse, wo sie ihre Sendungen moderiert. Sarıkaya ist 1974 als Kind einer Gastarbeiterfamilie in Frankfurt am Main zur Welt gekommen. Ihr Vater hat in Holland, in England, in Berlin und in München gearbeitet und ließ sich in Frankfurt am Main nieder.

Ich frage Sarıkaya, was sie am meisten erzürnt, wenn es um die Menschen aus der Türkei geht, die inzwischen ein halbes Jahrhundert in Deutschland verbracht haben. „Wir tragen die Last der Generation unserer Väter und Mütter. Der Mehrheitsgesellschaft sind die Biografien der Minderheiten nicht bekannt. Sie wissen nicht, was unsere Mütter und Väter hier durchlebt haben.
Um die Probleme zu verstehen, muss man bei Null anfangen. Ich bin nicht sehr begabt und meine Mutter ist nicht dumm. Wir sind nur verschiedene Menschen, die zu verschiedenen Zeiten leben. Ich erkläre meine eigene Biografie und werde dann zur Anwältin der Generation meiner Eltern. Ermüdend… Diese ständigen Erklärungen ermüden einen. Obendrein bin ich keine unparteiische Anwältin.“

Und worauf freut sich Özlem Sarıkaya?

„Was mich glücklich macht? Mich mit Menschen zu umgeben, die diese Themen, die uns betreffen und die so polemisch diskutiert werden, längst überwunden haben, die allem mit einer gesunden Portion Galgenhumor entgegentreten.“

Mit welchen Werten ist Özlem Sarıkaya aufgewachsen?

„Die Werte haben mir meine Mutter und mein Vater vorgegeben.
Ihre Erziehung und die Freiheiten, die ich von ihnen bekommen habe, haben mir Kraft gegeben. Deswegen bin ich ihnen dankbar. Meine Mutter und mein Vater sind gegensätzliche Menschen. Während für den einen die äußeren Werte wichtig sind, sind es für den anderen die inneren Werte. Mein Vater ist ein Abenteurer und meine Mutter aus ihrem Respekt heraus ein bisschen ängstlich.“

„Und die Bildung?“, frage ich: „Ich habe mein Studium nicht so schnell aufgenommen. In meinem Umfeld besuchte keiner die Universität. Es gab niemanden, der mir hätte beistehen können. So habe ich zwei Jahre lang eine Ausbildung absolviert. Danach habe ich gedacht, probierst du es mal mit der Universität. Ich bin ängstlich in die Universität gegangen. Als ich drin war, ging alles ganz einfach, denn es gab nichts zu fürchten.“

„Und Journalismus?“, sage ich. “Journalistin zu sein war ein Traum. Reportagen führen, Texte schreiben… Mein Ideal war es Reporterin zu werden. Ich wollte die Menschen aufklären, erst mich, dann mein Umfeld. Nach dem Abitur bin ich direkt zum Arbeitsamt gegangen und habe gefragt, wie ich Journalistin werden kann. Keiner hat mir weitergeholfen. Ich habe es selbst herausgefunden.
Während meiner Ausbildung wusste ich, dass die Arbeit mich nicht befriedigt. Ich wollte nichts an- und verkaufen. Ich mochte diese Arbeit nicht.
Es gab eine Sendung im Radio. Ich habe Mut gefasst und dort angerufen. ‚Ich kann alles machen’, habe ich gesagt. ‚Du brauchst keinen Kaffee zu kochen’, haben sie entgegnet. ‚Wir veranstalten bald ein Casting’, sagten sie und ich wurde eingeladen und getestet. Anschließend habe ich angefangen einmal in der Woche als Nachrichtensprecherin zu arbeiten. Ich habe aber von dem, was ich vorgelesen habe, nichts verstanden. Deswegen habe ich Politikwissenschaften studiert.“

Özlem Sarıkaya wird weiterhin als Journalistin arbeiten. „Wenn ich aus irgendwelchen Gründen nicht arbeiten kann, werde ich mit dem Schreiben weitermachen. Ich werde dann immer etwas schreiben, auch wenn ich vielleicht kein Geld dabei verdiene. Ich würde gerne über die Menschen, die Gesellschaft und menschliche Handlungen schreiben. Wenn ich keine Gefühlsbeziehung zu etwas habe, kann ich es nicht in meinem Gedächtnis speichern. Wenn mich aber etwas beeindruckt, trage ich es wie ein Brandmal mit mir herum.“

Das menschliche Mosaik ist für Özlem Sarıkaya sehr wichtig. Sie ist der festen Überzeugung, dass die Menschen einen großen Schritt nach vorne machen würden, wenn sie die Bedeutung dieses Mosaiks begreifen würden. „Eigentlich könnten wir ein schöner Cocktail sein“, sagt sie. „Wenn von einem Puzzle, an dem wir gerade sitzen, ein Teil fehlt, sinkt der Wert.“

Özlem Sarıkaya, Moderatorin beim Bayerischen Fernsehen, Café Gap, München