Rana Tokmak

no images were found

Auf dem Olympiastützpunkt Wattenscheid herrscht geschäftiges Treiben. Am liebsten würde man sich anstecken lassen, sich umziehen und sich ihnen anschließen. Hier findet man Menschen jeden Alters. Einigen ist es an den Bewegungen anzumerken, dass sie professionelle Sportlerinnen und Sportler sind. Aber das ist nicht so wichtig, hier haben alle Platz. Bei den im Umfeld versammelten Gruppen wird jeweils über eine andere Sportart gesprochen. Ebenso wie die Freiflächen, sind auch die Hallen voll. Überall sind sie mit Athletik, Hochsprung, Gymnastik oder auch Basketball beschäftigt.

Wir treffen uns mit Rana Tokmak, die an diesem Tag in der hinteren Halle trainieren wird. Rana ist mit ihrer Mutter Nurhan Tokmak zur Halle gekommen. Rana Tokmak ist ein Talent, das in der Disziplin der Rhythmischen Gymnastik bei den Jugendlichen neun Mal deutsche Meisterin geworden ist. Gleichzeitig ist sie Kapitänin der deutschen Jugendgruppe ‚Rhythmische Gymnastik’. Ihre Trainerin, Vera Silaeva, kommt in die Halle. Rana spricht voller Lob und Hochachtung von ihrer Trainerin: „Seit sieben Jahren arbeiten wir zusammen. Ich habe viel von ihr gelernt. Sie hat immer versucht, für mich das Beste zu machen. Sie ist ein sehr feiner Mensch. Sie ist nicht nur meine Trainerin, sie ist für mich etwas ganz Besonderes, meine zweite Mutter.“ Frau Silaeva erzählt, dass sie sehr glücklich sei, mit einem so talentierten und auch netten Menschen wie Rana arbeiten zu können.

Die zweite Sprache in der Halle ist Russisch. Erstaunlich, jetzt spricht auch Rana mit ihren Freundinnen Russisch. Ihre Mutter Nurhan Tokmak erzählt lachend: „Weil viele der Gymnastikerinnen und die Trainerinnen Russinnen sind und untereinander Russisch sprechen, hat auch Rana in der Zwischenzeit Russisch gelernt.“

Rana wird an diesem Tag kein langes Training haben. Rana hat einen derart geschmeidigen Körper, dass man fragen will, ob sie überhaupt Knochen hat. Nach dem kurzen Trainingsprogramm treffen wir uns draußen vor dem Gebäude des Internats. Rana kennt alle, die in der Zwischenzeit an uns vorbeigehen, besonders ihre Altersgenossen. Drinnen sind die Internatsschülerinnen und -schüler beim Abendessen. Ranas ruhige, angenehme und bedachte Art des Sprechens fällt mir auf. Da sie innerhalb nur eines Jahres in 12 Ländern gewesen ist, frage ich sie, was das Typischste ist, wenn sie wieder in Deutschland ist: „Wissen Sie, was man auf allen deutschen Flughäfen findet, sind die Brezeln.“ Was vermisst du, wenn du im Ausland bist: „Das Grün, die Ruhe unserer Stadt Castrop-Rauxel.“ Und Speisen, die du vermisst? „Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, möchte ich von meiner Mutter, dass sie mir grüne Bohnen, mit Fleisch gefüllte Paprika und Mantɪ, türkische Tortellini, macht. Aber jetzt sage ich nichts mehr, denn sie weiß, was ich mir wünsche und hat bei meiner Ankunft schon all das gekocht.“ Welches der Länder, die du besucht hast, hat dich als Gymnastikerin am stärksten beeindruckt? „Russland… ja, in Russland hat die Gymnastik ein anderes Flair. Russland beeindruckt mich immer wieder.“

Mit Rana sprechen wir mal türkisch, mal deutsch, aber insgesamt mehr deutsch. Ich beginne, „Deutschland“, sie versteht, was ich sagen möchte: „Deutschland ist mein Heimatland. Grün… Ruhig… Ein Land, in dem ich mich sehr wohl fühle… Und ich freue mich, dass ich Deutschland im Ausland vertrete.“

Rana ist eine erfolgreiche Schülerin. Sie trainiert sechs Tage in der Woche, jeweils vier Stunden, an manchen Tagen auch fünf. Ich frage sie, wie sie die Schule trotzdem schafft. „Schule ist kein Problem“, sagt sie ruhig. „Ich lerne im Bus, an den Bushaltestellen, im Flugzeug, auf den Flughäfen. Ich vernachlässige meine Schule nicht.“ Ihre Noten und die Beurteilungen der Schule bestätigen ihre Aussagen. Auch ihre Mutter beschwert sich nicht: „Wo ich sie auch hinbrachte, sagte man ‚sie ist sehr talentiert, sie sollte damit weitermachen’. Mit drei Jahren brachte ich sie zum Ballett. Sie wollten, dass ich sie auf jeden Fall zur Ballettakademie Stuttgart bringe. Was sie auch macht, sie konzentriert sich darauf und macht ihre Sache gut.“

Es ist auch interessant, was die 1996 in Castrop-Rauxel geborene Rana Tokmak bei der 125-Jahrfeier ihrer Schule, dem Ernst-Barlach-Gymnasium, in das Buch der Schule schrieb: Es steht dort, dass sie in ihren erfolgreichen Grundschuljahren Angst davor gehabt habe, auf das Gymnasium zu gehen. Nachdem sie aber mit der Schule begonnen habe, habe sie schnell verstanden, dass es nichts zu fürchten gab. Und dass, verglichen mit der Ermüdung bei der Gymnastik, das Gymnasium einfach sei.

Ich frage Rana nach ihrer Mutter: „Sie ist diejenige, die mich am stärksten unterstützte. Sie nähte meine Kostüme, sie war immer bei mir. Zu wissen, dass sie bei mir ist, hat mir immer Kraft gegeben. Ich bin sehr sehr dankbar.“

Die Seite, die bei Rana im Schatten blieb, ist der Tanz. Dieses junge Talent, das gerade zehnjährig in Begleitung des Symphonieorchesters Bochum tanzte und später im Jugendstaatstheater Dortmund acht Monate fest im Ensemble mitspielte, war seit 2003 in verschiedenen Ländern und zahlreichen Städten Deutschlands an Aufführungen mit Solo- oder Gruppentänzen beteiligt. Ich frage ihre Mutter: „Tanz oder Gymnastik?“ „Ich sehe, dass sie beim Tanz entspannter ist. Sie ist ein freies Mädchen. Es ist schwer, sie in Strukturen zu pressen. Ich sehe, dass sie im Tanz diese Freiheit erlebt.“

Rana mag Gymnastik und Tanz gleichermaßen. Sie wird beides weitermachen. Rana hat aber auch Sorge: „Die Gymnastik ist eine sehr anstrengende und unerbittliche Disziplin. Von hundert Sportlerinnen werden alle außer dreien ausgesiebt. Und dazu kommt, dass man Gymnastik nur bis zu einem bestimmten Alter machen kann. Ich möchte aber einen Beruf haben, der mir mein ganzes Leben lang Spaß macht. Ich möchte Menschen helfen. Aus diesem Grund möchte ich Ärztin werden. Ich bin überzeugt, dass ich als Ärztin vielen Menschen helfen kann.“

Rana ist früh aufgestanden, ist zur Schule, dann ohne Pause zum Training gegangen und unterhält sich jetzt mit uns. Ich sehe, dass sie müde ist. Als Letztes frage ich: „Und die Türkei?“ „Die Türkei riecht anders“, sagt sie. „Ich vermisse ihren Duft, ihre Menschen. Ihr Essen ist schön. Viele geliebte Menschen leben dort.“

Rana Tokmak, Schülerin, Gymnastikerin, Tänzerin, Wattenscheid