Şaban Ergüney

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Ein schöner Sommerabend. Die Stille am Rhein in der Nähe von Hamm wird einzig von Grillen und dem Motorengeräusch eines Bootes gestört. Die Sonne geht am Horizont unter, die Wolken färben sich von Blau auf Blutrot. Es ist angenehm warmes Wetter. Wir sind zu Gast bei Kapitän Şaban Ergüney auf seinem Tanker, getauft auf den Namen ‚Ayla’. Zutreffender wäre es zu sagen, dass die Familie Ergüney mich in dem Wohnzimmer des Kapitäns empfängt. Die beiden Töchter der Ergüneys, die Maschineningenieurin Dilek und die Psychologin Özlem, bringen uns Tee und frisch zubereitete Böreks herein und vervollkommnen die Atmosphäre. Außer uns befinden sich im Raum noch der Schwiegersohn Ahmet, der sich geehrt fühlt, ein Teil der Familie zu sein, und die Enkelin Helin. Da die Ehefrau Ergüney und Namenspatin des Tankers ‚Ayla’ ihren Urlaub in England verbringt, kann sie nicht bei uns sein, lässt es sich jedoch nicht nehmen, während meiner Anwesenheit zuhause anzurufen um mich willkommen zu heißen. Außer ihr fehlen noch der 29-jährige Sohn Cem Can, ein Bauingenieur, die Adoptivtochter Nazan und der ältere Enkel. Während der Unterhaltung wird aus dem Tanker Diesel abgepumpt, der Kapitän erklärt: „Das wird bis morgen früh 5 Uhr dauern.“

Die Familie des Kapitäns Ergüney ist eine glückliche Familie, die gerne miteinander scherzt und harmonisch und offen miteinander umgeht: „Wäre auch Mutter bei uns, sie hätte uns noch mehr zum Lachen gebracht.“ Wir unterhalten uns auf Türkisch. „Innerhalb der Familie ist die gemeinsame Sprache Türkisch, doch wir Geschwister unterhalten uns auf Deutsch“, sagt Dilek. So ein sauberes Türkisch kann man nur in der Türkei lernen, wende ich ein. „Nein,“, sagen Dilek und Özlem, „wir haben es in der Familie gelernt. Leider konnten wir nicht oft in die Türkei fahren. Wir haben aber unsere Zeit überwiegend mit unseren Eltern verbracht und so konnten wir die türkische Sprache gut weiterentwickeln.“ Der Vater mischt sich in das Gespräch ein: „Uns war unsere Sprache sehr wichtig. Ebenfalls war uns aber auch sehr wichtig, dass unsere Kinder die deutsche Sprache lernen.“ In der Familie werden Bücher in beiden Sprachen gelesen und es ist augenfällig wie wichtig Integration ist. Dilek meldet sich zu Wort: „Wir sind sehr demokratisch aufgewachsen. Mein Vater hat sich entschuldigt, wenn er etwas falsch gemacht hatte, obwohl wir noch Kinder waren. Wir hatten keine Tabus, wir konnten über alles miteinander reden.“ Der Vater erzählt von der weiterhin bestehenden Familientradition: „Jeder hat ein Heft; wir treffen uns einmal im Monat, um die vergangenen Tage zu bewerten. Egal, wie alt die Person ist, jeder hat Mitspracherecht. Probleme sollten beizeiten besprochen werden, so kann man besser Lösungen finden.“ Während der Vater stolz auf seine Kinder ist, zeigen auch die Kinder ihren Stolz auf den Vater. Der Vater erklärt weiter: „Ich rufe mindestens einmal am Tag bei meinen Kindern an, egal, wo ich bin, auch wenn ich mit jeder Ladung ein anderes Land befahre. Ich muss ihre Stimmen hören. Die Einkäufe für den Tanker erledigen meine Töchter oder mein Schwiegersohn und meine Frau organisiert das alles. Meine Kinder waren in allen großen europäischen Hafenstädten. Ich wollte, dass sie frei leben und eine gute Erziehung genießen. Ich wollte ihnen deutlich machen, dass Humanität die gemeinsame Sprache der Menschen ist.“

Şaban Ergüney, Kapitän und Besitzer des Tankers mit 85 Metern Länge und einem Fassungsvermögen von eineinhalb Millionen Litern, ist im Jahre 1959 in einer Stadt geboren, die nicht im geringsten etwas mit der Schifffahrt zu tun hat, in Aksaray. Während eines Schüleraustauschprogramms kommt Ergüney 1975 nach Bochum, besucht an der Universität einen Sprachkurs. Ein Angestellter des Arbeitsamtes erzählt ihm von der Möglichkeit eine Seefahrtsschule zu besuchen. Dafür müsse er aber nach Bremen. Noch während der dreijährigen Ausbildung erhält er das Angebot, in der Schifffahrt zu arbeiten. In der Zwischenzeit heiratet er die Frau, in die er sich bei dem Sprachkurs sofort verliebt hatte. Ein Jahr später kommt ihr erstes Kind zur Welt. Er steuert Häfen in der ganzen Welt an und sammelt so berufliche Erfahrung an. Seine Arbeit für die Reederei lässt ihn meistens europäische Häfen ansteuern. Als der Reeder stirbt und seine Kinder die Firma verkaufen wollen, in der er sehr gern gearbeitet hatte, beschließt Ergüney sein eigener Kapitän zu werden. Er macht die erforderliche Ausbildung und erfüllt die gesetzlichen Vorgaben. Mit einem Kredit kauft er sich 1989 den Tanker und tauft ihn auf den Namen seiner Frau Ayla. „Da der Handel florierte und ich immer Ladung hatte, war es leicht, den Kredit zurückzuzahlen.“

Als türkischer Staatsbürger ist es jedoch schwierig, Kapitän des eigenen Schiffes zu sein. Um die Ladung in den Ankunftsländern abzuladen, bedarf es ausnahmslos eines Visums. „Sie haben mich daran gehindert, meiner Tätigkeit nachzugehen, nur weil ich türkischer Staatsbürger war. Das Visum bekam ich nur für einen Tag, aber manchmal dauerte die Angelegenheit in dem betreffenden Land eine Woche und ich musste jeden Tag aufs Neue ein Visum beantragen. Fünf Jahre habe ich mich mit diesem Problem auseinandergesetzt. Zuletzt habe ich dann 1997 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und bekommen. Ab da hatte ich meine Ruhe.“

Seinen Anzug mag Kapitän Ergüney nicht, er zieht es vor, sich wie ein normaler Mensch zu kleiden. Wenn man am Kanal unterwegs ist, sind Brückenunterführungen die schwersten Stellen sagt er und erzählt lachend: „Einmal, der Kanal war sehr eng, merkte ich nicht, wie weit ich mich der Brücke genähert hatte, weil ich damit beschäftigt war, das Schiff geradeaus zu lenken. Als ich gegen die Brücke stieß, fiel ich rücklings hin. Um nicht das Land zu berühren, stand ich schnell auf und lief zum Steuer. Aber nun stieß ich gegen die zweite Brücke und ich fiel wieder hin. Das Schiff stand nun quer im Kanal. Erst, als ich wieder zu mir kam, konnte ich das Schiff retten.“

Außer den Ungerechtigkeiten während der Lieferungen hat er in der Gesellschaft keine Probleme gehabt. „Auch während der Schulzeit meiner Kinder habe ich keine Probleme gehabt. Vielleicht deshalb, weil sie fleißige Schüler waren.“

Es ist Zeit sich von Kapitän Ergüney und seiner Familie zu verabschieden. Die Töchter geben mir noch von den Böreks mit. Wir verabschieden uns mit dem Versprechen uns wieder zu sehen. Während der langen Heimfahrt denke ich an die schönen Stunden, die ich mit der Familie Ergüney verbracht habe. Ich beglückwünsche sie einzeln, von den Eltern bis hin zu den Enkeln, weil sie ein bemerkenswert gutes Familienverhältnis aufgebaut haben. Ich fühle, wie mich die Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe, um einiges reicher gemacht hat.

Şaban Ergüney, Kapitän, Hamm